Rum Artesanal Caribbean Island

Rum des Monats Dezember 2019 | Test | Review

Rum-Review   •   30. November 2019

(No) More bang for the buck?

Vor gar nicht allzu langer Zeit war Rum in den Augen vieler (so auch in unserem Blog) der „More bang for the buck“-Star unter den Spirituosen – mit einem überdurchschnittlich guten Preis-Leistungs-Verhältnis und so manchem Geheimtipp. Und in der Tat konnten sich jene, die beispielsweise rechtzeitig die Qualität der früheren Velier-Abfüllungen erkannt hatten, über Demerara- und Caroni-Bottlings freuen, die – gemessen am damaligen Preis – einen geradezu sagenhaften Gegenwert boten.

Doch diese Zeiten sind vorbei. Velier füllt mittlerweile gar keine Demeraras mehr ab und bei Neuerscheinungen wie dem El Dorado Skeldon oder Albion wurden die Preise kräftig angehoben. Nachdem sich nun auch die Caroni-Bestände langsam ihrem Ende entgegen neigen, gingen die „letzten“ Velier-Abfüllungen mit mehreren hundert Euro Ausgabepreis ins Rennen – und waren sofort ausverkauft. Von den Preissteigerungen am Zweitmarkt gar nicht zu reden.

Rum Artesanal – das gallische Dorf unter den unabhängigen Abfüllern

Während also die Mehrzahl der unabhängigen Abfüller erkannt hat, dass der Rum-Markt auch deutlich höhere Preise verkraftet, gibt es immer noch ein paar unbeugsame Gallier Abfüller, die nicht aufhören, der Preistreiberei Widerstand zu leisten. Dazu zählt insbesondere das deutsche Label Rum Artesanal (RA), das in der jüngeren Vergangenheit mit seinen Single Cask-Bottlings von sich reden machte. Und zwar nicht durch effekthascherisches Marketing, sondern durch die Qualität der Abfüllungen und deren für heutige Verhältnisse ausgesprochen fairen Preise. Um nur zwei Beispiele zu nennen: der RA Jamaica Rum Trelawny Double Cask 1998/2000 – ein fantastischer Blend aus einem 1998er-Hampden und einem 2000er-Long Pond – hatte einen Ausgabepreis von unter 50 € (siehe dazu auch das Review auf BAT). Für mich eines der Highlights des Jahres 2019, das auch auf dem German Rum Festival 2019 mit dem Best of the Show-Award ausgezeichnet wurde. Wäre die auf 225 Flaschen limitierte Abfüllung bei einem etwas weiter südlich angesiedelten Abfüller erschienen, hätte man dafür locker das Zwei- bis Dreifache auf den Tisch gelegt. Gut gefallen hat mir auch der RA Guyana Diamond 2004, der bis vor Kurzem noch für unter 40 € erhältlich war – ein bezahlbarer und dennoch charaktervoller Demerara-Repräsentant. Von den aktuellen Abfüllungen sind der großartige Hampden HGML 1983 (!), der Savanna Unshared Cask oder der Westerhall 1993 eine Erwähnung wert. Neben vielen weiteren.

RA gehört zur Heinz Eggert GmbH, einem 1948 gegründeten Familienunternehmen. Im Jahr 1984 wurde die Firma Rum Albrecht übernommen, wodurch der Bezug zur Spirituose Rum und ihrem Import nochmals intensiviert wurde. 2015 entschloss man sich zu einem Neustart der Marke Rum Artesanal (deren Initialen RA übrigens eine Reminiszenz an Rum Albrecht sind). Prägender Kopf hinter dem Label ist Dominik Marwede, der das Projekt gemeinsam mit einem Team aus Destillateuren und Experten mit viel Leidenschaft und Expertise vorantreibt. Bis heute wurden 22 verschieden Einzelfässer abgefüllt, die zahlreiche Auszeichnungen erhielten.

Während bei Connaisseuren vor allem die Single Cask-Abfüllungen von RA im Fokus stehen, gibt es auch einige interessante Blends für den Einsteiger und den Mittelbereich. Einer davon ist unser Rum des Monats im Dezember 2019: der Rum Artesanal Caribbean Island.

Rum Artesanal Caribbean Island

Das Etikett auf der Flaschenrückseite macht neugierig: Der Blend aus Jamaika, der Dominikanischen Republik und Guadeloupe steht für die drei „großen“ Rum-Stile – britisch, spanisch und französisch. Verwendung fanden sowohl Melasse- und Zuckerrohrsaft-Destillate als auch Pot Still- und Column Still-Rums. Dadurch werden einerseits die unterschiedlichen Ausgangsmaterialien, andererseits die unterschiedlichen Destillationsverfahren von R(h)um abgebildet. Während auf dem Label nur die Länder genannt werden, hat eine Nachfrage bei Dominik Marwede ergeben, dass es sich bei den Bestandteilen um einen 11-jährigen Worthy-Park (Anteil 40 %), einen 8-jährigen Oliver & Oliver (Anteil ebenfalls 40 %) und einen 4-jährigen Rhum aus Guadeloupe (Anteil 20 %) handelt, dessen Destillerie nicht genannt werden darf.

Die Reifung erfolgte zu 90 % in Ex-Bourbon-Casks und zu 10 % in ehemaligen Oloroso-Sherry-Fässern. Sämtliche Rums reiften zunächst in ihren Herkunftsländern, wurden dann in Deutschland vermählt und lagerten abschließend für weitere 9 Monate in kontinentalem Klima. Auf dem Label wird außerdem eine „Dosage“ in Höhe von 10g/l angegeben, womit eine additive Süßung durch Melasse gemeint ist. Unabhängig davon, wie man zur Süßung von Rum steht, ist es vorbildlich, diese explizit auf dem Label anzugeben – und leider nach wie vor die Ausnahme. Nach Angeben von Dominik wurden die einzelnen Bestandteile zunächst geblendet, dann in den Sherryfässern gefinisht und abschließend die Dossage zugegeben. Abgefüllt wir der Caribbean Island mit einem moderaten Alkoholgehalt von 40% vol.

Man könnte also sagen: Die ganze Welt des Rums in einer Flasche – für unter 30 Euro. Doch funktioniert dieses ambitionierte Unterfangen auch im Glas?

Rum Artesanal Caribbean Island – Tasting

Im Glas weist der Rum ein schönes, intensives Kupferrot auf. In der Nase überrascht er zunächst mit einer floral-grasigen Note, die dem Agricole-Anteil geschuldet sein dürfte und dem Blend eine charakteristische Note verleiht. Darunter offenbart sich eine üppige Fruchtigkeit mit viel Banane, Pflaume, Grapefruitschale und einer Marmeladen-artigen Süße. Hier kommen klar die Worthy Park-Aromen durch. Auch von der Sherry-Reifung herrührende Süßweinnoten mit Rosinen und Toffee sind deutlich präsent. Begleitet wird das Aromaspektrum durch würzige Elemente von frischem Leder, Kaffee, Politur und etwas Jod. Für diese Preisklasse ein erstaunlich vielseitiges Bouquet.

Im Mund weist der Rum eine dezente, keineswegs dominante Süße auf. Zu Karamell, Banane und Trockenfrüchten gesellen sich dunklere Töne mit Eichenholz, Mokka, dunkler Schokolade und erdigen Noten. Sanfte Esteranklänge finden sich im Hintergrund, sozusagen als leises Echo des Jamaika-Anteils. Das Finish ist kurz bis mittellang mit Eiche, Karamell und Kaffee. Insgesamt ist die Textur am Gaumen sehr angenehm.

Alles in allem hinterlässt der Rum in der Nase einen etwas stärkeren Eindruck als am Gaumen, was auch mit dem eher niedrigen Alkoholgehalt und dem etwas leichten Körper zusammenhängt.

Fazit

Der Rum Artesanal Caribbean Island ist ein idealer Übergang vom eindimensionalen Süßrum hin zu mehr Komplexität – frei nach Arnold van Gennep sozusagen ein „rhum de passage“. Er hat in dieser Hinsicht deutlich mehr zu bieten als Botucal und Co., ohne jedoch zu überfordern. Die „Dosage“ hätte es dabei in meinen Augen gar nicht gebraucht und ist wohl ein Tribut an die Zielgruppe. Wie immer ist die Punktzahl vor dem Hintergrund dessen zu verstehen, was dieser Rum sein will: ein preislich sehr fairer, handwerklich gut gemachter Blend, der sich an Einsteiger richtet, als easy sipper aber auch für Fortgeschrittene funktioniert, ohne Langeweile aufkommen zu lassen. Die drei unterschiedlichen Bestandteile des Blends bilden einen interessanten Dreiklang und repräsentieren die Vielfalt von Rum.

Für Rum-Neulinge könnte der Rum Artesanal Caribbean Island dementsprechend zu einer Station auf einer größeren Reise werden, auf deren weiterem Verlauf irgendwann auch die empfehlenswerten Single Cask-Abüllungen von RA stehen.

Rum Artesanal Caribbean Island
Rum Artesanal Caribbean Island

Rum-Score: 83/100

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